Dinslakener Geschichte

 


Dinslakener Geschichte:
Die Kreuzigungsgruppe von 1507
 

An der Nordseite des Kirchturms der kath. Kirche St. Vincentius befindet sich die Kreuzigungsgruppe von 1507 aus Sandstein. Aus einem Felsen mit Schädel und Gebein wächst das Kreuz mit dem Korpus Christi. Daneben stehen die T-förmigen Kreuze mit den beiden Schächern. Nach Prof. Günter stellt der Kalvarienberg das Hauptwerk einer Weseler Bildhauerwerkstatt um 1500 dar. Stilistisch sei die Gruppe den Arbeiten des Meisters des Berendonk'schen Kreuzwegs vor dem Xantener Dom zuzuschreiben. Die Kreuzigungsgruppe, die zu den bedeutensten ihrer Art zählt, hat ihre eigene Geschichte.

Die Kreuzigungsgruppe hatte ursprünglich vor den Mauern der Stadt Wesel vor einer Kapelle auf einem kleinen Erdhügel gestanden. Sie bildete den Abschluss eines Kreuzweges, der von der Matena-Kirche durch die Kreuzpforte führte. Der Kreuzweg war im Jahre 1507 von dem wohlhabenden Weseler Weinhändler Hermann Sael aus Dankbarkeit über eine gesund überstandene Pilgerfahrt ins Heilige Land gestiftet worden. Er hatten den Kreuzweg nach den Entfernungen anlegen lassen, die sie selbst in Jerusalem vom Palast des Pilatus bis Golgotha ausgemessen hatten.


Viele Weseler waren den Weg mit den Leidensstationen Christi bis zum Kalvarienweg draußen vor der Stadt gegangen bis dann im Jahre 1587 der Krieg der Holländer gegen die Spanier kam. Bei diesen spanisch-niederländischen Auseinandersetzungen (1583-1587) ging es um die Absetzung des evangelisch gewordenen Kölner Erzbischofs Gebhard Truchseß von Waldenburg.

Das klevische Land, das neutral bleiben wollte, war ständigen Truppendurchzügen, Plünderungen und Brandschatzungen ausgesetzt. Städte und Dörfer wurden verwüstet und immer wieder bedrängt. Die Spanier und Holländer operierten ab 1585 im Herzogtum Kleve. Die Spanier eroberten Moers, ihre italienischen Hilfskräfte steckten 1587 Orsoy in Brand, zugleich wurde das rechtsrheinische Ruhrort eingenommen, wo man sich verschanzte. Von diesem Stützpunkt aus unternahmen die Soldaten Raub- und Verproviantierungszüge in das umliegend Land. Auch Dinslaken bekam bald die Wirkung zu spüren. Mal waren die Spanier, mal die Holländer Herren der Stadt. Beide Truppen waren gleichermaßen gewalttätig. Nur hatten es die Katholiken etwas besser, wenn die Spanier im Land waren. Kamen die Holländer, dann konnten die Evangelischen aufatmen.

Im Jahre 1587 wurde die Stadt Wesel von den Spaniern unter der Leitung des Herzog von Parma sehr bedrängt. Nach der Chronik von 1881 des Stadthistorikers von Wesel, P. Th. A. Gantesweiler, wurde  im Januar 1588 die Kapelle an der Kreuzigungsgruppe niedergerissen, weil man befürchtete, dass die Belagerer eine Schanze aufwerfen würden.

Da die Kreuze in Wesel vor der Zerstörung nicht sicher waren – sie lagen bereits am Boden -, wollte der Pfarrer von St. Vincentius in Dinslaken, Merten Kleinschmitt, sie 1587 „irgendwo hinbringen“. Also lud er sie mit starken Männern auf einen Leiterwagen, setzte gegen gutes Trinkgeld mit der Fähre über die Lippe und brachte sie bis vors Walsumer Tor in Dinslaken. Am heutigen Kreisverkehr der Duisburger Straße/ Kreuzstraße ruhten sich die Männer und Ochsen nach einem Bericht des Heimatforschers Hubert van Loosen acht (!!!) Tage in einer Gastwirtschaft "von den Strapazen des Transportes" aus. Aber auch danach wollten die Ochsen keinen Schritt mehr gehen. So blieben die "Drei Kreuze" seit nunmehr schon rund 400 Jahren an Ort und Stelle. Auch in Dinslaken wurde an der Kreuzigungsgruppe eine Kapelle errichtet, die dann später wegen starker Kriegsschäden abgerissen werden musste.

1652 wurden die Kreuze zum ersten Mal renoviert, wie die Inschrift "Renovat. Vot. Et Sumptibus T.D.P.D. 1652" nachweist. Es gab sicherlich mancherlei Widerspruch und Auseinandersetzungen mit den Reformierten, die solche "abgöttischen Bilder" nicht innerhalb der Mauern und in aller Öffentlichketi dulden wollten. Zahlreiche Kunstwerke vielen seinerzeit ihreren "Säuberungsaktionen" zum Opfer. Um die Gegener zu beruhigen und allen Falschdeutungen vorzubeugen, ließ der kluge Pfarrer Alexander Everhardi (1672-1709) an den Kreuzfuß folgendes einmeißeln:

DAS MAN HIR AM CREUTS HANGEN SEHT,
IS CHRISTI GEDACHTENIS,
ER IS SELBER NIT DAROM.
ANBIDDE NOCH HOLT OFF STEIN!
AUF CHRISTUM UND SEIN LEIDE
RICHT DEIN HERTS ALEIN!

Renovat 1681

Diese theologisch einwandfreie Erklärung scheint den Evangelischen eingeleuchtet zu haben. Die Dinslakener aller Konfessionen haben im Laufe der Zeit die "Drei Kreuze" als erhabene Marke im Stadtbild angenommen. Mehrfach mussten die Skulpturen restauriert werden. Zum Schutz vor weiterem Verfall wurde die Gruppe nach ihrer Restaurierung im Jahre 1985 am Turm der Kirche aufgestellt und mit einer schützenden Überdachung versehen. Am historischen Standort wurden Kopien der Originalgruppe errichtet.